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VON DER MOSEL ANS MEER

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Jetzt erst recht!

VON DR. WIDO

Mensch, Wido, denk doch zurück an die Pathologie, Du hast doch wahrlich genügend Leichen seziert! Ein Patient mit einer solchen Leber, wie Du eine hast, hat noch maximal 10 bis12 Jahre, dann ist die Leber alle. Das weißt Du doch, also richte Dich darauf ein. Geh in Rente und widme die Zeit, die Dir noch bleibt, deiner Familie.


Das war im Januar 1975 im Höchster Krankenhaus und der das sagte, war der    Oberarzt der Medizinischen Klinik, mein alter Kollege aus der Pathologie. Ich hatte mich beim Operieren mit einer Hepatitis B infiziert und hatte bereits 8 Monate nach der Infektion eine Leberzirrhose. Das sprach für einen schlimmen Verlauf.


Meine Frau Beate und ich waren damals Assistenten an einer Klinik in Trier. Wir hatten viele Freunde und obwohl wir jeden 2. oder 3. Tag Nachtdienst hatten, lebten wir die freien Wochenenden wie eine Party. Das änderte sich von Grund auf an dem Tag, als meine Erkrankung bekannt wurde. Von einem auf den anderen Tag kannte uns keiner der vielen Freunde mehr, die noch gestern bei uns ein und aus gingen. Auf der Straße machten sie einen großen Bogen, um uns nicht begegnen zu müssen. Wir waren wie Aussätzige, denn jeder hatte Angst vor einer Ansteckung, weil es damals noch keine Impfung gab. Das war eine bittere Erfahrung. Der Absturz kam unvermutet und der Verlust der vermeintlichen Freunde schmerzte uns entsetzlich. Falls ich doch wieder auf die Beine käme, wollte ich  denen nie mehr begegnen. Da mich aber auch keine Klinik mehr einstellen würde, blieb also eigentlich wirklich nur noch ein Leben als Rentner oder die Gründung einer eigenen Praxis. Ob wir das aber je schaffen würden, war sehr fraglich.


Das Gute bei einer Lebererkrankung kann aber manchmal sein, dass sie nicht weh tut. Als ich mich nach einigen Monaten nicht mehr so krank fühlte, begann ich Pläne zu schmieden, die schließlich in der Niederlassung als Facharzt für Hals Nasen Ohrenerkrankungen in Cochem an der Mosel mündeten. Das war eine schwierige Geburt, da ich als Kranker nicht kreditwürdig war. Meine Eltern hatten kein Geld, das sie mir hätten leihen können und meine Schwiegereltern wollten nicht. So hatte ich wirklich nur Beate, unseren Optimismus, Mut – und eine ganze Menge Glück. Die von der Berufsgenossenschaft angebotene Vollrente hatte ich ausgeschlagen, weil ich glaubte, dass ich mich dadurch wie ein Invalide fühlen würde und mir der Biß verloren ginge. Es war wohl auch so und wir schafften es trotzdem – oder gerade deshalb -- ohne die Hilfe anderer. Darauf sind wir jetzt unendlich stolz.  


 Wie sich später zeigte, waren alle Entscheidungen richtig und die HNO- Praxis ein Erfolg. Nach 2 Jahren begann ich, alte Porsche 356 zu restaurieren und fuhr damit nebenbei auch Rennen. Keiner hätte geglaubt, dass ich krank war. Mit meinem Renn - Speedster sahnte ich bei den klassischen historischen Rennen alles ab, was es zu holen gab, obwohl der Motor praktisch nur aus Schrottteilen zusammengebaut war. Nur - Beate blieb immer mit entsetzlicher Angst daheim. Wenn mir etwas passiert wäre, hätte sie mit den Kindern und einem Haufen Schulden dagestanden.


Deshalb hörte ich mit der Rennerei auf und wir begannen zusammen ein Leben als Segler. Obwohl immer knapp bei Kasse, waren wir zu einem Dickschiff gekommen wie die Jungfrau zum Kind und die Segelei hatte mich so sehr gepackt wie vorher der Porschevirus. Ein Leben ohne Boot konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Das Segeln wurde zur Weltanschauung und gab mir die Kraft, die ich für den Beruf brauchte.  


 Aber bereits zwei Jahre nach dem Einstieg ins Fahrtensegeln hatte ich einschneidende Erlebnisse, die mich immer deutlicher an die Prognose meines Kollegen erinnerten. Einmal zu Ostern waren wir z.B. wieder in Laboe, um das Schiff nach dem Winterlager aufzutakeln und da mir dauernd zum Kotzen schlecht war, fuhren wir, als wir mit der Arbeit fertig waren, gleich wieder heim. Während der Fahrt erbrach ich große Mengen hellrotes Blut. Das bedeutete, dass infolge der Leberzirrhose Krampfadern in der Speiseröhre geplatzt waren und ich langsam verbluten würde. So hatte ich es gelernt. Auf der Strecke bis Cochem verabschiedete ich mich von den Wäldern und Wiesen, die ich von den vielen Fahrten zum Schiff so gut kannte, und war glücklich, das erste Grün an den Bäumen noch sehen zu dürfen.


Aber es kam anders. Anstatt mit einer Blut stillenden Sonde in der Speiseröhre    elendiglich zu Grunde zu gehen, verödete mir in Koblenz ein Arzt einige Venen und ich war nach einigen Tagen wieder einsatzfähig, - wenn auch durch den Blutverlust ziemlich klapprig. Das wiederholte sich noch einige Male und einmal, als ich bereits sehr von der Krankheit gezeichnet war, kam der Arzt am Freitag Nachmittag zur letzten Visite der Woche und war ziemlich niedergeschlagen. Sein Porsche war defekt, doch am Montag morgen sollte er in Hannover eine Vorlesung halten. Ich bot ihm an, den Motor zu reparieren, wenn er mich beurlauben würde. Wir tauschten die Autos und am Sonntag Abend stand der reparierte 911 wieder an seinem Platz. Wenn ich danach wieder mal blutete, konnte ich mich einfach vor dem OP auf eine Pritsche legen bis ein Pfleger mich draußen liegen sah, dann wurde ich hineingekarrt und operiert. Ich hatte zu diesem Arzt eine fast freundschaftliche Beziehung aufgebaut.


1987 segelten wir nach Südengland. Obwohl wir beide wussten, wie schlecht es mir mittlerweile ging, wollte ich segeln. Es war das 12. Jahr und ich war bereits zu schwach, um bei Wind das Vorsegel zu bergen oder um auch nur spazieren zu gehen. Meine Haut und die Augen waren quittegelb. Und als im Oktober das Schiff wieder im Cochemer Hafen lag, arbeitete die Leber nicht mehr. Ich fiel ins Koma und wachte erst nach Wochen wieder im Krankenhaus auf, als mich „mein“ Arzt fragte, ob ich eine neue Leber haben wollte. Ich wollte, um wieder segeln zu können.


Alle anderen Ärzte hatten Beate geraten, dass sie mich daheim in Ruhe sterben lassen sollte, sie aber hatte diesen Kollegen angerufen, der durch seine Vorlesungen in Hannover einen guten Draht in die Transplantationsklinik zu Prof. Pichelmayr, dem damals führenden Transplantationschirurgen, hatte. So kam es, dass ich zwei Tage nach der entscheidenden Frage in Hannover zur Transplantation einer Leber vorbereitet wurde. Derweil versuchte Beate selbst noch auf dem Weg zur Intensivstation, mich wieder zum Leben zu überreden und hatte Erfolg! Schließlich wollte ich wieder leben, nachdem ich mich Wochen vorher schon aufgegeben hatte.


Als ich nach der Transplantation wieder ansprechbar war, fragten mich Schwestern und Ärzte, ob ich denn wirklich ein Schiff  hätte und ob ich denn tatsächlich damit nach Amerika segeln wolle. Während der wochenlangen Phase des Aufwachens und der damit verbundenen Psychosen hatte ich nämlich immer wieder davon geredet und auch Details von unserem „Rasmus“ beschrieben. Beate war während dieser Zeit fast immer bei mir und hat mich aufgebaut, wenn ich wieder aus einer Psychose auftauchte. So kam ich nach der kürzest möglichen Zeit wieder auf die Beine und fragte, wann ich denn nun nach Amerika segeln dürfe. Die Antwort war klar und deutlich: in 2 Jahren, wenn bis dahin alles gut gegangen sei.


Damit hatte ich wieder eine Zukunft.


Schon der nächste Sommer fand uns beide mit unserem „Rasmus“ in Schweden. Das war 6 Monate nach der Transplantation.Danach verkaufte ich das Schiff und viele andere Sachen, um mir für den Transatlantiktörn ein größeres Schiff bauen zu lassen. Aber noch bevor das fertig wurde, fragte mich ein Freund, ob wir ihn auf seinem Törn über den Atlantik begleiten wollten. Kurz bevor wir von Las Palmas ablegten, schrieb ich Prof. Dr. Pichlmayr eine Postkarte, dass, wenn er diese Karte erhielte, ich bereits auf dem Atlantik nach Amerika unterwegs sei.


Als wir wieder daheim waren, fand ich in unserer Post seine Antwort mit der äußerst knappen Anweisung: „Bitte sofort vorstellen!“ Das machte ich auch und als ich braun gebrannt und durchtrainiert in die Leberambulanz kam, guckte ich in einen Raum voller todkranker, müder und mutloser Gesichter. Noch vor zwei Jahren hatte ich genau so ausgesehen. Eine Schwester hinter dem Tresen erkannte mich und winkte mich in das Kämmerchen. -  Da war doch wirklich ein Transplantationspatient in die Karibik gesegelt, so als wäre er ganz gesund. Ganz entscheidend geholfen hatte mir dabei ein Satz von Prof. Pichlmayr: “Wir operieren nicht, um Rentner zu produzieren, sondern um arbeitsfähige Menschen wieder auf die Beine zu stellen.“


Bereits vier Monate nach der Transplantation begann ich wieder zu arbeiten und hatte bald doppelt so viel Patienten wie vorher. Offensichtlich hatte es sich herumgesprochen, dass ich den Patienten viel mehr geben konnte als vorher. Ich glaube, dass sich die Kraft und Zuversicht, die ich damals ausstrahlte, schnell herum sprach und immer wieder neue Patienten in die Praxis zog.


Aber das Medizinwesen in Deutschland war schon damals überreglementiert und so schlecht bezahlt, dass es keinen Spaß mehr machte. Ich war mittlerweile total demotiviert. Ein so hohes Risiko, wie es jeder Arzt durch seine Behandlungen eingeht, wollte ich nicht mehr auf mich nehmen. – Zumindest nicht bei diesem mickrigen Honorar! Ganz spontan verkauften wir daher 1995 die Praxis - sieben Jahre nach der Transplantation - und fortan arbeitete ich bei wesentlich besserer Bezahlung mit sehr viel Spaß als Vertreter für andere Ärzte. Nach dem Verkauf der Praxis akzeptierte ich auch die angebotene Rente, so dass unser Lebensunterhalt gesichert war.


Mit dem neuen Schiff segelten wir hauptsächlich in Schweden und ohne es zunächst zu planen, sammelten wir auf unseren Törns die Fakten für einen Führer durch die ostschwedischen Schären. Als die Pläne zu dem Buch konkreter wurden und die Verlage versuchten, immer mehr Zugeständnisse von mir zu erreichen, produzierten wir das Buch kurzentschlossen selbst, wobei alles, die Fotos, Skizzen, der Text und auch die Werbung, mit der die Produktion zum Teil finanziert wurde, von uns selbst gemacht wurde. Wir waren unglaublich stolz, als das fertige Buch vorlag und die Fachzeitschriften sich vor Lob überschlugen.


Die Vorstellung des Buches 1998 erlebte ich wieder im Krankenhaus, weil ich durch zwei Abszesse in der Leber eine lebensgefährliche Blutvergiftung hatte. Keiner gab mehr einen Pfifferling für mein Leben und trotzdem schaffte ich es – wieder nicht allein, sondern mit Beates Hilfe - nach dem 13. endoskopischen Eingriff in 6 Wochen. Eigentlich wollte der Operateur mich gar nicht mehr operieren, aber ich ermunterte ihn dazu, es doch noch einmal zu versuchen. -Erst bei einer Nachuntersuchung 4 Jahre später gab er die Aussichtslosigkeit der damaligen Situation zu.


Weitere 2 Jahre später verabschiedeten wir uns von der Segelei und schlugen ein ganz neues Kapitel auf. Wir kauften uns ein klassisches Motorboot aus Stahl mit Holzaufbauten. Damit sind wir jetzt auf Flüssen, Kanälen und im Mittelmeer unterwegs, freuen uns aber schon wieder auf die Schwedischen Schären, um nach Plätzen für das nächste Buch zu suchen.


Den Wechsel zum Motorboot konnten viele unserer Segelfreunde nicht verstehen, aber wir hatten auf dem Englandtörn 1987 deutlich genug erlebt, was es bedeuten kann, nicht mehr die Kraft zu haben, ein Segel zu bergen. In diese Situation wollten wir mit zunehmendem Alter nicht noch einmal kommen, andererseits aber wollten wir zeitig genug den Wechsel zum Motorboot schaffen, um noch mit Kraft und Elan dieses neue Kapitel aufschlagen zu können.


2004 begann ich sehr intensiv zu reiten und erlebe die Welt nun aus einer völlig ungewohnten Perspektive.


Dafür, dass ich so lustvoll leben darf, glaube ich, dass ich es den Ärzten und den Kranken schuldig bin, ihnen durch die gelebte Lebensfreude Mut zu machen. Vor allem aber soll meine Geschichte den unentschlossenen Organspendern zeigen, wie viel volles Leben ein todgeweihtes Organ schenken kann. Leben, das sonst erlöschen würde. Kraft, die sonst nicht weitergegeben werden könnte. Und Liebe, die sonst nicht geschenkt aber auch nicht empfangen werden könnte.


Welch herrliches Leben!  -  Aber auf Kosten anderer! -  Ohne die rückhaltlose Hilfe meiner Frau hätte ich diese Krankheit nicht meistern können. Weder den Praxisaufbau, noch die Schrauberei an den Autos, die Rennerei oder das Segeln, - alles, was mir die Kraft gab, weiterzumachen, wäre nicht möglich gewesen ohne dass meine Frau, die selbst Ärztin ist, mir Sicherheit und Hilfe gegeben hätte Ohne sie wäre nichts gegangen.


Auf Kosten anderer führe ich auch jetzt mein neues Leben. Die Leber gehörte vorher einem 22 -jährigen. Ich weiß nichts über ihn. Vielleicht hatte er einen Motorradunfall. Weil er starb, darf ich weiter leben. Danke.


Klar, - ich führe ein egoistisches Leben! Aber ohne diesen Egoismus ginge es nicht, denn die Krankheit raubt Kraft. -  Kraft, die für die Familie und viele andere Pflichten nötig gewesen wäre. Den Rest verbrauchte ich jeden Tag in der Praxis, gewann sie aber in der nächtlichen Abgeschiedenheit und Ruhe der Garage oder später noch viel intensiver im Cockpit unseres Schiffes, auf dem Atlantik und in den Schären zurück. Dafür fehlte ich meiner Familie lange Jahre. Aber ich lebe immer noch und kann jetzt nach Beendigung des Berufslebens Zeit und Zuwendung zurück geben, die mir andere, vor allem aber meine Frau, geschenkt haben.


Diese Krankheit hat mich verändert. Sie hat mich dazu gebracht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dafür war ich halt für all das, was ich durfte und konnte viel offener. D.h. in letzter Konsequenz: ohne die Erkrankung wäre dieses volle Leben gar nicht möglich. So bin ich mir auch der Schwächen meines Körpers bewusst geworden und ich habe schon vor vielen Jahren begonnen, z. B. durch Training diese Nachteile  auszubügeln. Das half zu einem ganz neuen, herrlichen Körpergefühl, das ich unendlich genieße und das mir neue Möglichkeiten eröffnet.


Bei allen Nachteilen und Einschränkungen, die meine Krankheit mit sich bringt und die ein Außenstehender wohl nicht akzeptieren würde - ich liebe mein Dasein und ich akzeptiere die Krankheit, die mir durch das ständige Bewusstsein, jederzeit an ihr oder einer Nebenwirkung der notwendigen Medikamente sterben zu können, die Kraft für ein sehr viel intensiveres Leben gibt und mich für Dinge geöffnet hat, die früher völlig unbemerkt an mir vorbei gegangen sind.


Welch ein Leben!

JETZT ERST RECHT!

Jetzt erst recht ist die Geschichte eines Mannes, der gegen seine Krankheit ankämpft, ein leistungs- bewusstes und lustvolles Leben führt, nach einem Segeltörn ins Koma fällt und bereits sterbend eine neue Leber geschenkt bekommt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der anderen Kranken Mut machen will zu kämpfen und unentschlossenen Organspendern zeigen will, welch ein volles Leben ein dem Tode geweihtes Organ noch schenken kann. Nicht zuletzt auch ein Feedback für die Ärzte, die manchmal an ihren Patienten verzweifeln. Die Geschichte zeigt, welche Kraft aus dem Wassersport geschöpft werden kann. Der Autor ist nach der Transplantation Transatlantik gesegelt, hat den einzigen deutschsprachigen Führer durch die ostschwedischen Schären erarbeitet und veröffentlicht und bereist jetzt das Mittelmeer, die Nord- und Ostsee und die Europäischen Flüsse und Kanäle mit seiner Motoryacht „Troll von Cochem“.