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VON DER MOSEL ANS MEER

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Das Bild der Schweden in unserer Vorstellung ist weniger von Alfred Nobel oder Carl von Linné geprägt als durch das Bild der schwedischen Frauen. Dieser Traum aber wiederum ist durch Filme oder Popstars in unsere Köpfe eingegraben: Und so sehen wir sie meist blond und selbstbewußt, selbstsicher und emanzipiert. Unter den knapp 9 Millionen Einwohnern Schwedens zählt die Statistik übrigens 1,3 Millionen Blondinen. Ernst Moritz Arndt war schon 1804 begeistert: „Man sieht viel schöne Gesichter, breite Stirnen, lebendige Augen und bei den Weibern viel Schelmerei bei freundlichen Mienen; doch vor allem ist der Wuchs hoch und nervig“.


Die Mode unterstreicht das sehr deutlich. Wer heute durch die Stockholmer City flaniert, ist mit Sicherheit von den Frauen fasziniert. Dabei grub sich bei mir das Bild der „Schwedin“ sehr markant ein. Braungebrannt, auch auf der Sonnenbank, überwiegend groß, blond, schlank und gut gebaut, Shorts, Mini oder lange, enge Hosen mit einem knappen Top in weiß. So kommt sie daher und ihr Anblick macht das sommerliche Stockholm noch reizvoller. In einem Sommer segelten wir mit einem anderen Schiff, dessen Crew sich uns anschloß, nach Stockholm und blieben da für ein paar Tage. Die beiden Herren aber fühlten sich dieser geballten, erotischen Anmache nicht gewachsen und flüchteten nach wenigen Tagen in die Schären. Sie kamen erst wieder, als ihre Frauen mit dem Flieger nach kamen. (Siehe auch Schwedenmädchen)


In den letzten Jahrzehnten lebten bekannte schwedische Frauen, die teilweise Kultfiguren ihrer Epochen waren, so z.B. Greta ( Gustafson ) Garbo, Ingrid Bergmann, Zarah Leander, der blonde Eisberg Anita Eckberg, Ingrid Thulin, Bibi Anderson, Mai Zetterling, aber auch die Mädchen der Abbas. Der Mythos dieser Frauen bleibt lebendig, auch wenn einige schon tot sind.


Als Gast den Gastgeber beurteilen zu wollen, ist ein heikles Unterfangen, aber irgendwie muß sich jeder einmal die Frage stellen, mit wem er es zu tun hat. Bei den Schweden fällt es aber besonders schwer, weil sie sehr zurückhaltend sind und, wenn überhaupt, erst spät auftauen. Meinem eigenen Urteil will ich nicht allein vertrauen, deswegen haben wir unterwegs, wann immer sich die Gelegenheit bot, andere Leute, die zum Teil schon seit 50 Jahren in Schweden wohnen und auch Segler gefragt, wie sie die Schweden erlebt haben. Hilfreich waren auch Broschüren des Schwedischen Institutes („Schweden Land und Leute“) und der Einwanderungsbehörde („Information about Sweden“).


Das Schwedische Institut sagt, daß die Beurteilungen der Ausländer mit denen der Schweden selbst weitgehend übereinstimmt. Nach dieser Broschüre sehen die Gäste ihre Gastgeber als freundliche, fleißige, ordentliche, rechtschaffene, gutgläubige, schüchterne, reservierte, knausrige und ein bißchen schwerfällige Menschen. Die Schweden selbst akzeptieren anscheinend diese Charakterisierung. Zwar kann ich einige Züge nicht beurteilen, aber dafür scheint mir die Hilfsbereitschaft, Geschäftstüchtigkeit ebenso zu fehlen wie das Bemühen, um fast jeden Preis auch im privaten Leben neutral zu bleiben. Nach der Broschüre „Schweden Land und Leute“ nennt sich der Schwede auch gern „Weltbürger, der noch mit einem Bein fest in der Scholle verwurzelt ist“.


Wir erleben die Schweden überwiegend als zurückhaltend und recht scheu, manchmal halt auch fremdenfeindlich, wie es auch bei uns vorkommt. Das fällt weniger im Süden des Landes auf, im ehemals dänischen Schonen, wo die Leute - bedingt durch ihre Geschichte - eher etwas aufgeschlossener sind, als im Norden. Da aber und je weiter man in den Norden kommt, sind sie um so verschlossener. Die Scheu und Zurückhaltung mag mit der Entwicklung des Landes zusammenhängen, das nach einer Jahrhunderte langen eher puritanischen und oft bäuerlichen Lebenseinstellung erst in den letzten Jahrzehnten Verbindung mit dem Rest der Welt aufgenommen hat. Noch während der Zeit des zweiten Weltkrieges, den die Schweden neutral von außen beobachteten, lebten viele Menschen oft Dutzende von Kilometern von Ortschaften entfernt auf einsamen Gehöften. Der Umgang mit Nachbarn war selten, mit Fremden hatte man eigentlich nie Kontakt. So ist es ausgesprochen schwer, mit Schweden Kontakt zu bekommen, die nie ´raus gekommen sind, andersherum aber scheinen bereiste Schweden besonders aufgeschlossen und kontaktfreudig zu sein.- Und von denen gibt´s überraschend viele.


An der Zurückhaltung, die sich wohl aus der Geschichte und der Entwicklung des Landes erklären läßt, hat sich im Prinzip bis heute nicht viel geändert. Man gewährt in der Regel Fremden keinen Einblick in den häuslichen Bereich, auch wenn man sich prächtig miteinander versteht. Da es aber die schwedische Höflichkeit erfordert, Einladungen auszusprechen, kann es für den Besucher zu Schwierigkeiten kommen, die Einladung zu deuten. Im Zweifelsfall sollte sie nicht immer ganz ernst genommen werden. Wenn aber der seltene Fall eintritt, freut sich die Dame des Hauses über einen Strauß Blumen, denn wie es scheint, lieben Schweden nicht nur ihre Natur, sondern auch und ganz besonders Blumen. Man darf aber trotzdem durchaus mit Toleranz rechnen, wenn man gegen diese blau - gelbe Etikette verstößt.


Die schwedische Höflichkeit macht es notwendig, seine Meinung wohl verpackt zu äußern und auch unangenehme Dinge nur vorsichtig formuliert auszusprechen. Dabei wird von den Gästen das Gleiche erwartet. Entspricht der Gast nicht diesen Erwartungen, muß er mit eisiger Passivität rechnen. So empfiehlt es sich, Unangenehmes,-  auch Unrecht, - großzügig zu übersehen. Im Endeffekt lohnt es sich wohl auch.


Zum Bild des reservierten, scheuen Schweden paßt es eigentlich ganz gut, daß in Schweden das Nacktbaden nicht üblich ist. So ist das FKK Bad in Saltsjöbåden ein geradezu symbolisches Bauwerk. Es ist nämlich als richtige Bretterburg nach allen Seiten vernagelt und nur von See her erkennt man den Sinn dieses merkwürdigen Verschlags.


Nackt ins Wasser steigt man höchstens ganz heimlich, wenn´s wirklich niemand sehen kann oder verborgen hinter dem Heck des Schiffes und vom Handtuch eingehüllt. Nach vorübergehender Freizügigkeit in den 60-er Jahren, als es auch Sexschuppen gab, hat das Pendel wieder umgeschlagen und man bedeckt sich. In Smögen sieht das etwas anders aus, aber dieser Ort hat auch eine eigene, für Schweden nicht gerade charakteristische Schickeria.


In dieses prüde Bild paßt aber überhaupt nicht die selbstbewusste und freizügige Selbstdarstellung sehr vieler jüngerer und auch reiferer Frauen bis in die späten 40er,- besonders in größeren Städten. Und wenn man im Gespräch nachhakt, scheint es, daß die prüde Schale mittlerweile doch ziemlich dünn geworden ist. Einen zarten Hinweis in diese Richtung gibt wohl auch das Buch eines schwedischen Weltumseglers, das bereits bei den ersten Bildern mit teilrasierter Nacktheit der Scham überrascht. Und das in einem Buch, in dem man eigentlich Segelabenteuer pur erwartet (Yrke: Världsomseglare, Lars Hässler). Es tut sich also etwas in Schweden. Offensichtlich fliegen doch sehr viele auf die Balearen, Kanaren oder in die Karibik und bringen die dort unter Touristen üblichen freizügigen Sitten nach Hause. Eine weitere Rolle spielen sicher auch die Medien und das Internet.


Es wäre aber zu einfach mit diesem Hinweis das Thema abzuschließen. Um die Frage der Prüderie zu akzentuieren paßt eher die Tatsache, daß seit Ende1999 Prostitution in Schweden verboten ist und auch Freier aktiv gejagt werden. So scheinen sich öffentliche und privat gelebte Moral unterschiedlich zu entwickeln und der flapsige Spruch, der unter Jugendlichen kursiert, scheint die Situation zu mindest zum Teil zu treffen: „Im Süden Juhu, im Norden Tabu“.


Aber auch wenn wir es als lästig empfinden, die Badeanzüge naß zu machen und es doof ist, allein oder mit unbekannten Männern in einer Sauna zu schwitzen, während die Frau Gemahlin sich allein in ihrer Frauensauna langweilt, ist dies halt noch die derzeitige offizielle Realität, die der Gast zur Kenntnis nehmen und akzeptieren muß. Wie es privatim zugeht, bleibt offen.


Hilfsbereitschaft ist in Schweden selbstverständlich. In Deutschland erinnern wir uns z.B. dankbar an die schwedische Hilfe nach dem zweiten Weltkrieg. Am Steg dagegen ist sie nicht immer so deutlich. Ziemlich selten wird ein Schwede beim Anlegen bereit stehen und die Leinen annehmen. Eher wartet man ab, weil man davon ausgeht, daß der Gast allein zurecht kommt. Wenn´s aber wirklich nötig ist, ist Hilfe sicher. Typisch ist eigentlich der Schwede, der bei der Annäherung eines Schiffes an einen Fels von seinem Grillplatz aufsteht und die Stelle, auf die der Skipper zielt, von oben in Augenschein nimmt. Nicht selten signalisiert er dann: Hier geht es oder nicht, aber etwas weiter links oder rechts ist der Grund sauber. Finnische Freunde erzählten uns eine andere Geschichte. In einer Bucht bei Sandhamn slippte ihr Anker, während sie einkaufen waren. Als sie zurück kamen, lag ihr Schiff an einer Boje und ihr Anker an Deck. Es muß also etwas dran sein, wenn die schwedische Hilfsbereitschaft gelobt wird.


Die Schweden sind sehr stolz auf ihre Heimat und sie sind sich dieses Stolzes wohl bewußt. Sie kokettieren mit ihm und spotten manchmal etwas über sich selbst,- so nach dem Motto: Wir müssen gar nicht übertreiben, - wir sind eben Weltspitze. Sie kritisieren sich aber auch selbst und das durchaus mit Humor. Wenn wir als Gäste einem Schweden zuhören, wundern wir uns manchmal darüber, wie negativ er sein Land schildert. Das Schwedische Institut gibt darauf die Antwort, daß diese kritische Haltung gegenüber seinem Land bei den Schweden ein Zeichen von Perfektionismus sei. Denn „alles, was nicht perfekt ist, kann verbessert werden und muß nach schwedischer Ansicht –wegen des Mangels an Perfektionismus- beklagt werden. Das Gute ist häufig selbstverständlich“.


Die Schweden mit ihrem stark verwurzeltes Brauchtum redeten sich früher oft nur in der dritten Person an. Ende der 60-er Jahre sollten sie sich aber von einem Tag auf den anderen duzen, das gab große Umstellungsschwierigkeiten. In der Zwischenzeit hat sich aber das „Du“ als Anrede durchgesetzt. Dabei läßt es sich sogar der König gefallen, zumindest von den Angehörigen des Dala Regiments geduzt zu werden, denn in Dalarna duzte man sich schon immer.


Schweden ist heute eine konstitutionelle Monarchie mit einem Einkammerparlament. Im Reichstag, dem obersten Organ des Staates sitzen 349 Abgeordnete. Staatsoberhaupt ist der schwedische König Carl XVI Gustav. Er hat nur repräsentative Aufgaben. Verheiratet ist er mit der aus Heidelberg stammenden Silvia Sommerlath, die bei den Schweden sehr beliebt ist. Tochter Viktoria  ist die Thronfolgerin. Die Regierungsgeschäfte führt der Staatsminister. Im Parlament sind die Moderata Samlingspartiet, die Sozialdemokraterna, die Folkpartiet, die Centern, die Vänsterpartiet Kommunisterna und die Grünen vertreten.

DIE SCHWEDEN